Nach Hynec Bocans preisgekröntem Film "Niemand wird lachen" (BNN vom 19.1.) zeigte der Akademische Filmkreis der Technischen Hochschule Karlsruhe einen weiteren Debütfilm eines jungen tschechischen Regisseurs: "Der erste Schrei" von Jeromil Jiris. Dieses Erstlingswerk hat weder Festival-Erfahrung noch Auszeichnungen aufzuweisen. 1964 gedreht, liegt es ein in einer deutschen Synchronisation des DEFA-Studios Leipzig vor und konnte bisher in der Bundesrepublik nur von Filmclubs vorgeführt werden.

"Der erste Schrei" ist die Geschichte eines jungen Paares, eine alltägliche Geschichte voller sozialer Realitäten. Es beginnt mir der Einlieferung der jungen Frau in ein Entbindungsheim und endet mit dem Besuch des frisch gebackenen Vaters in der Säuglingsstation. Der Tag, der dazwischen liegt, wird ausgefüllt von den täglichen Geschäften, von ihren Schmerzen und seinen ängstlichen Gedanken daran, aber auch von den Erinnerungen der beiden, die in Rückblenden auftauchen: der zufälligen Begegnung an der Brücke, den gemeinsamen Erlebnissen, der Hochzeit.

Eine wichtige Rolle spielt dabei - und man wird an Polanskis "Ekel" erinnert - die Fotografie. Der Film erstarrt zum Foto, Fotos beginnen zu leben, was vorher Handlung war, taucht im "Familien"-Album als Foto wieder auf - diese Verschmelzung ist dem Regisseur vortrefflich gelungen, ebenso die Karikaturen verstiegener Intellektueller, wenn auch manchmal ein wenig tendenziös, so doch treffend. Man merkt dem Film aber die Unsicherheit einer Regisseurs an, der noch im sozialistischen Realismus aufgewachsen ist und etwas Neues bringen will. Ziellose Propaganda bleibt die Einblendung von Panzern und Flugzeugen der Bundeswehr, plump wirkt der Annäherungsversuch des leichten Mädchens, so daß die Standhaftigkeit des jungen Vaters keiner Anstrengung bedarf (und dies sollte doch wohl gezeigt werden). Ein gewollter Gag auch der Transport des Bettes durch die Stadt, ein billiger Abklatsch der entsprechenden Passage aus Lesters "Der gewisse Kniff". Miserabel ist der Kommentator am Schluß, der sich über den Mythos der Geburt ausläßt und durch kitschiges Pathos die Wirkung des reportageähnlichen Filmablaufs weitgehend zerstört.

Aber von diesen Schwächen abgesehen ist der Film eine für Ostblockverhältnisse erstaunliche Befreiung vom Formalen, ein erfolgreiches Anrennen gegen festgefahrene Film-Konventionen. Es wäre wünschenswert, wenn der Akademische Filmkreis den Karlsruher Filmliebhabern weiterhin solch unbekannte Kostproben vom Filmschaffen hinter dem Eisernen Vorhang zugänglich machen würde; der Zuspruch bei den beiden tschechischen Filmen hat bewiesen, daß großes Interesse dafür besteht.

-my-

(Quelle: BNN, Nr. 26, 2.02.1966)

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