Inzwischen sind auch das Fernsehen ("Schwarzer Peter") und das Verleihgeschäft ("Liebe einer Blondine") auf den Filmfrühling jenseits des Eisernen Vorhangs aufmerksam geworden. In seiner am Montag beginnenden "Woche des Ostblockfilms" stellt nun der Filmclub der Technischen Hochschule drei Spielfilme vor, die mit einer einzigen Kopie die Reise durch deutsche Filmkreise angetreten haben und nach Ablauf eines Jahres an das Ursprungsland zurückgegeben werden. Da diese ausnahmslos guten Filme (Originalfassungen mit Untertiteln) nicht in die Kinos gelangen werden, dürfen die Veranstaltungen nicht nur Schülern,, Studenten, Lehrern und Professoren, sondern allen Interessierten zugänglich gemacht werden. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 20 Uhr im Oberen Mathematikhörsaal der TH.

Am Montag läuft Karel Zemans "Narrenchronik" (CSSR). (BNN vom 6. 12.). Am Mittwoch spielt "Dunkel bei Tageslicht" des ungarischen "Professor Hannibal"-Schöpfers Zoltan Fabri. Die Erinnerungen des ungarischen Schriftstellers Gabor Nadai faszinieren durch eine erschütternde Story. Nadai, der weder an seinen Verdiensten noch an seiner Schuld gemessen wird (beide sind nicht vorhanden), gibt sich Ungarn von heute Rechenschaft über seine Handlungsweise in Zweiten Weltkrieg. Als er erfuhr, daß die junge Frau Agnesm die er liebte, eine Jüdin war, beschaffte er ihr die Ausweispapiere seiner gleichaltrigen Tochter, ohne zu ahnen, daß diese als Widerstandskämpferin gesucht wurde. Die angebliche Tochter wird verhaftet, und Nadel legt ein Geständnis ab. Anstatt jedoch seiner Geliebte zu retten, erreicht er damit, daß beide Frauen hingerichtet werden. "Man muß ein Heiliger sein, ein Märtyrer oder ein Held, um Mensch zu bleiben!" erkennt der Schriftsteller bitter.

Die "Woche des Ostblockfilms" wird abgeschlossen mit einem zweiten ungarischen Film, Janos Herskós "Dialog". Dieser aus dem Persönlichen über das Politische ins Weltanschauliche hineinschliddernde Film behandelt die Geschichte der jungen Jüdin Judit, die nach Kriegsende den Kommunisten Laszlo heiratet. Nach kurzer glücklicher ehe wird Laszlo unschuldig verhaftet; als er nach Jahren entlassen wird, sind sich beide Ehepartner fremd geworden. Erst nach dem ungarischen Aufstand kommt es zum erfolgreichen Dialog zwischen beiden, der in ihnen wieder die Hoffnung auf einen menschlichen Sozialismus und das Vermögen, doch noch lieben zu können, erweckt. Hersko versucht, das rein Menschliche als Gleichnis ins Historische zu übersetzen, wobei die Personen Funktionen ungarischer Politiker, die Ehe die Stelle des Volkes übernehmen.

-my-

(BNN, Nr. 288, 12.12.1966)

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