Beachtliches und Zweifelhaftes hatte der Akademische Filmkreis der Technischen Hochschule in einer Sonderveranstaltung zusammengefaßt. Zu Unrecht waren die Erwartungen der vielen studentischen Besuche durch die Vorankündigung gerade auf den Vorfilm gelenkt worden, dem die Nichtfreigabe zur öffentlichen Vorführung durch die freiwillige Filmselbstkontrolle zu unverdienter Publizität verholfen hat. Es handelt sich um den Kurzfilm des jungen Regisseurs Horst Manfred Adloff "Die Wechsler um Tempel", den den Anspruch erhebt, die falschen Propheten im Tempel Gottes, die dort nur Macht suchen" anzuprangern und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Verhalten der Kirche im Laufe der Jahrhunderte zu sein. Mehr als ein Zerrbild ist daraus nicht geworden. Nichts ist leichter, als polemisch aus dem Zusammenhang gerissene Bibelzitate mit einem Trommelfeuer aus Schreckensszenen der Inquisition, der kriegerischen Wirklichkeit der Kreuzzüge, der Kriegführung durch Vertreter des christlichen Abendlandes überhaupt bis hin zum Vietnam-Krieg zu konfrontieren. Diese Art "Kritik" rennt offene Türen ein und, zumal wenn sie sich auf den Index bezieht, kommt sie um einbiges zu spät. ernsthaft kann man diese Auseinandersetzung schon deshalb nicht nennen, da schon nbei der ersten Einstellung die Tendenz dieses Pamphlets deutlich wird: Papstansprache und österliche Feierlichkeiten auf dem Petersplatz werden mit Massenhysterie und Massenmißbrauch moderner totalitärer Diktaturen eins gesetzt.

"Einmal wirklich leben" (Jukru) hieß der Titel des Hauptfilms - ein Werk des auch in Deutschland durch die Filme "Rashomon" und "Die sieben Smurai" bekannten japanischen Regisseurs Akira Kurosawa aus dem Jahre 1952. Aus dem Titel ergibt sich zugleich die unausgesprochen über dem ganzen Film stehende Frage: was ist dieses wirkliche Leben? Dies zu ergründen und im letzten Moment zu erhaschen sucht der kleine, vertrocknete Bürokrat Watanabe, der jahrzehntelang ein steriles Leben zwischen Aktenbergen geführt hat, ohne Teilhabe an der Wirklichkeit. Die plötzliche Erkenntnis des baldigen Todes führen bei Watanabe zur Besinnung auf das wirkliche Leben. Die Einstellung des Röntgenbildes am Anfang ist das Movens der Handlung, die nun abläuft. Die Suche nach dem wirklichen Leben, dieses klassische Thema hat den Regisseur auf das klassische Vorbild des "Faust" zurückgreifen lassen. Wie diesen führt er seinen Helden in der Sucht, möglichst viel vor dem Tode zu erhaschen und die verzweifelte Gewißheit zu übertönen durch alle lauten Vergnügungen. Wie Faust findet er den Sinn schließlich in der Erfüllung einer Pflicht, im Dienst an dem ihm von Amts wegen anvertrauten Nächsten, den er in seinem toten Beamtendasein ignoriert hatte. An der Stätte seines Wirkens, einem mit Zähigkeit der letzten Kraft gegen den Widerstand aller Instanzen erbauten Kinderspielplatz stirbt er. Mütter und Kinder, denen das Werk zugute kommt, mythisieren den Toten, die niemals kompetenten Beamtenkollegen versuchen sein Werk zu verkleinern. Wo liegt die Wahrheit? Ist es nur in einer Ausnahmesituation wie der des totgeweihten Watanabe möglich, wirklich Mensch zu sein, wirklich zu leben? Mit dieser Frage entläßt der Film trotz einiger szenischer Längen vom Bedenklichen her bis zum letzten Augenblich spannend, den Zuschauer.
-rz-

 

(BNN, 13.5.66)

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