Während der deutsche Film weitgehend immer tiefer in den Schlummer billigen Durchschnitts sinkt, beginnt in Osteuropa das cineastische Erwachen. Dem polnischen Beispiel (Polanski, Munk) folgend, beginnen nun talentierte tschechische Regisseure, die Filmspalten der westlichen  Presse zu füllen. Nur mit der Publikation des Filme in den Lichtspieltheatern hapert es: die Verleihe scheuen das finanzielle Risiko, und die östliche Zensur taut nicht so schnell auf wie die Regisseure. Daher ist von bedeutenden Spielfilmen aus der CSSR - meist Debütfilme junger Regisseure - nur ein geringer Teil im Verleihgeschäft, etwa Milós Formans "Schwarzer Peter" oder Jan Nemeceks "Diamanten der Nacht". Und daher blieb es dem Karlsruher Filmclub überlassen, den bemerkenswerten tschechischen Film "Niemand wird lachen" am Montag intern vor Studenten der TH vor- und für Karlsruhe gleichzeitig uraufzuführen. Der Film lag nur in der Originalfassung vor, wurde jedoch durch deutsche Untertitel erläutert.

Der erste Spielfilm des 27jährigen Regisseurs und Nemecek-Schülers Hynek Bocan erzählt die Geschichte des jungen Dozenten für Kunstgeschichte an der Universität Prag, Dr Klima (Jan Kacer), der ein Gutachten über die wertlose Erstlingsarbeit des Möchtegern-Wissenschaftlers Zaturecky (Josev Chavlina) anfertigen soll. Aus Scheu, dem einfältigen Bittsteller die harte Wahrheit zu sagen, flüchtet es vor dessen aufdringlichen Besuchen schließlich in eine Lüge, die die Intimsphäre der Beteiligten berührt. Er verstrickt sich in die Folgen dieser Lüge, daß er seine Anstellung und die geliebte Fraue (Stepanka Rehakova) verliert und letztlich in die Schußlinie der Partei gerät.

Der Film schwankt zwischen einer etwas bizarren Komödie und einem philosophischen Lehrstück; der Zusammenstoß zwischen Individuum und Kollektiv dient als thematische Antipode zu optisch höchst wirksamen, von Kameramann Jan Nemecek sehr gut eingefangen Gags, die an Jacques Tati erinnern. Dieses Zusammenwirken gibt dem ganzen Film trotz seiner ernsten Thematik und der nicht eben zimperlichen Kritik an den (in der CSSR) herrschenden Verhältnissen eine erstaunliche Leichtigkeit, fast Beschwingtheit, die der Eindringlichkeit nicht abträglich, der Publikumswirksamkeit dagegen förderlich ist.

Wenn dieser Film auf den Mannheimer Festwochen 1965 den Großen Preis erhielt, dann völlig zu Recht; er ist ein durchaus repräsentatives Beispiel für die "Neue Welle" in der CSSR. (Die Mannheimer Preise 1963 und 1964 fielen ebenfalls an tschechische Produktionen). Daß derartige Filme aber nur zögernd ins Verleihgeschäft aufgenommen werden, daß sie nur einen kleinen Liebhaberkreis in studentischen Filmclubs erreichen, ist bedauerlich. Einen weiteren tschechischen Film zeigt der Karlsruher Filmklub am 31. Januar: "Der erste Schrei" von Jeromil Jiris.


-my-


(Quelle: BNN, 19.01.1966)

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