Inzwischen sind auch das Fernsehen ("Schwarzer Peter") und das Verleihgeschäft ("Liebe einer Blondine") auf den Filmfrühling jenseits des Eisernen Vorhangs aufmerksam geworden. In seiner am Montag beginnenden "Woche des Ostblockfilms" stellt nun der Filmclub der Technischen Hochschule drei Spielfilme vor, die mit einer einzigen Kopie die Reise durch deutsche Filmkreise angetreten haben und nach Ablauf eines Jahres an das Ursprungsland zurückgegeben werden. Da diese ausnahmslos guten Filme (Originalfassungen mit Untertiteln) nicht in die Kinos gelangen werden, dürfen die Veranstaltungen nicht nur Schülern,, Studenten, Lehrern und Professoren, sondern allen Interessierten zugänglich gemacht werden. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 20 Uhr im Oberen Mathematikhörsaal der TH.

Am Montag läuft Karel Zemans "Narrenchronik" (CSSR). (BNN vom 6. 12.). Am Mittwoch spielt "Dunkel bei Tageslicht" des ungarischen "Professor Hannibal"-Schöpfers Zoltan Fabri. Die Erinnerungen des ungarischen Schriftstellers Gabor Nadai faszinieren durch eine erschütternde Story. Nadai, der weder an seinen Verdiensten noch an seiner Schuld gemessen wird (beide sind nicht vorhanden), gibt sich Ungarn von heute Rechenschaft über seine Handlungsweise in Zweiten Weltkrieg. Als er erfuhr, daß die junge Frau Agnesm die er liebte, eine Jüdin war, beschaffte er ihr die Ausweispapiere seiner gleichaltrigen Tochter, ohne zu ahnen, daß diese als Widerstandskämpferin gesucht wurde. Die angebliche Tochter wird verhaftet, und Nadel legt ein Geständnis ab. Anstatt jedoch seiner Geliebte zu retten, erreicht er damit, daß beide Frauen hingerichtet werden. "Man muß ein Heiliger sein, ein Märtyrer oder ein Held, um Mensch zu bleiben!" erkennt der Schriftsteller bitter.

Die "Woche des Ostblockfilms" wird abgeschlossen mit einem zweiten ungarischen Film, Janos Herskós "Dialog". Dieser aus dem Persönlichen über das Politische ins Weltanschauliche hineinschliddernde Film behandelt die Geschichte der jungen Jüdin Judit, die nach Kriegsende den Kommunisten Laszlo heiratet. Nach kurzer glücklicher ehe wird Laszlo unschuldig verhaftet; als er nach Jahren entlassen wird, sind sich beide Ehepartner fremd geworden. Erst nach dem ungarischen Aufstand kommt es zum erfolgreichen Dialog zwischen beiden, der in ihnen wieder die Hoffnung auf einen menschlichen Sozialismus und das Vermögen, doch noch lieben zu können, erweckt. Hersko versucht, das rein Menschliche als Gleichnis ins Historische zu übersetzen, wobei die Personen Funktionen ungarischer Politiker, die Ehe die Stelle des Volkes übernehmen.

-my-

(BNN, Nr. 288, 12.12.1966)

Die zweite Semesterschau, zu der der Akademische Filmkreis am Mittwochabend eingeladen hatte, bewies nachträglich den Erfolg, den die filmenden Studenten mit ihrem ersten "Werk" bei ihren Kommilitonen verbuchen konnten: der große Mathematik-Hörsaal konnte nicht alle Neugierigen fassen und viele mußten nach Hause gehen...ohne gesehen zu haben, was eigentlich im vorigen Semester an ihrer Hochschule alles "los" war! Der Erfolg dieser neuen Semesterschau stand im Verhältnis zum Aufwand: 2876 Meter Zelluloid, 1540 Arbeitsstunden, ein Klebeband und 185 Flaschen Bier gewährleisteten zwanzig Minuten Schmunzeln, kritisch-ironische Urteile und gelinden Spott an der Hochschulplanung; alles in allem eine bemerkenswerte Arbeit, der man schon viel weniger als vor einigen Monaten das Amateurhafte ansah und die stellenweise bemerkenswertes Niveau hatte.

Allerdings sind die filmenden Studenten auch kritischer und strenger in ihrem Urteil geworden, vielleicht zu streng um nicht zu sagen überheblich, wie einer der Studenten im Saal meinte.

Neben rein dokumentarischen Berichten "aus dem Leben einer Hochschule" wie die Arbeit der Akademischen Fliegergruppe mußte die Sommer-Semesterschau mit sehr pointierten Betrachtungen und Analysen aufzuwarten, wobei wir besonders an der Glosse über das Aussterben des Fahrräder an der "Fridericiana" denken, bei der abwechselnd leere Fahrradständer und verlassene "Drais-Kutsche" und funkelnde Studenten-Limousinen gezeigt wurden.

Die "Einöde vor der Mensa", die sich bei Regen in ein "Land der tausend Seen" verwandelt, erregte Heiterkeit und beifälliges Klatschen bei den Studikern, die erschreckenden Antworten dieser gleichen Studenten dagegen über Sinn und Ziel der Aktion 1. Juli befragt, wirkten peinlich und holten die jungen Akademiker auf den harten Boden der Wirklichkeit zurück.

Ungemein erheiternd wirkte der Beitrag eines biederen Karlsruher Ordnunghüters, der sich zu Sinn und Recht einer Studentendemonstration so diplomatisch, nichtssagend und supervorsichtig ausdrückte, daß sogar ein CDU-Politiker hätte vor Neid erblassen können. Mit einigen Bildern von der Patenhochschule in Villeurbann bei Lyon schloß die zweite Semesterschau, die bei den Studenten gut "ankam" und viel Beifall erhielt.
-ref-
(Quelle: AZ, Nr. 263, 13./14.11.1965)

 

Der überfüllte Saal und die lebhafte Diskussion können als Beweise dafür genommen werden, daß die akademische Jugend des Westens bereit ist, sich mit den kulturellen Dingen der Menschen um abgetrennten Teil Deutschland auseinanderzusetzen. Der Film, dem der Frankfurter Rezensent H. Ungureit notwendige Erläuterungen vorausschickte, hat künstlerisch so hohe Qualitäten, daß man diese nicht (wie es in der anschließenden Diskussion leider geschah) unbeachtet lassen sollte.


Der Regisseur Konrad Wolf, ein Sohn des bekannten Dramatikers Friedrich Wolf, gab dem Film eine vom Optischen her ideenreiche Form, die besonders im Anfang, wo man noch nicht von Längen und politischen Diskussionen ermüdet ist, fesselt. Man stellt außerdem fest, daß die ostzonalen Schauspieler, die hier so gut wie unbekannt bleiben, über starke Ausstrahlung und eine selbstverständliche Darstellungsart verfügen, so - daß eine gewisse Gleichförmigkeit (durch die Thematik bedingt) im wörtlichen Sinn von ihnen überspielt wird.

Wie schon der Rezensent der Frankfurter Rundschau erläuterte, kommt dem Film in politischer Hinsicht besondere Bedeutung zu. Das Buch gleichen Titels wurde im vergangenen Jahr zum meistgelesenen der DDR. Die Umwelt ist die der Jahre vor dem Berliner Mauerbau. Der junge Wissenschaftler Manfred setzt sich aus beruflicher Enttäuschung nach dem Westen ab, seine Braut Rita, durch ihren freiwilligen Dienst in der Waggonfabrik ganz von den Ideologien der Arbeiter und Brigadeführer erfüllt, verzichtet auf den geliebten Mann, um in ihrer Heimat, der sie sich verpflichtet fühlt, zu bleiben

Dieses Thema hätte sehr leicht zu einer plakatierten Schwarz-Weiß-Malerei führen können, auf die Konrad Wolf aber weitgehend verzichtet. Manfred wird wohl als weich und "anfällig" für westliches Gedankengut gezeichnet, jedoch keineswegs unsympathisch. Die Geradlinigkeit Ritas überzeugt vielleicht nicht ganz, obwohl sie durch ihr freundschaftliches Verhältnis zu dem alten Werkmeister und den Arbeitskameraden motiviert werden soll, aber die neue künstlerische Form des "komplizierten" Erzählens und Sehens bewahrt die Mädchengestalt vor tendenziöser Naivität. Das Bemühen (und das macht den Film, der ja für ostzonale Besucher gedreht wurde, bemerkenswert), die Voraussetzungen, die zu einer Flucht gerade der Intelligenz führten, zu erkennen, sie auszuleuchten, bleibt, wenn auch unterschwellig, immer spürbar. Ein Satz wie der Manfreds: "Der Bodensatz der Geschichte ist immer das Unglück des Einzelnen" läßt aufhorchen.

Westdeutschen und ausländischen Studenten mag die DDR-Atmosphäre, die neben Politik und Arbeit kaum dem Persönlich-Individuellen Raum läßt, überzeichnet erscheinen. Sie ist es nicht. Als regelmäßiger Besucher der Zone ist man immer wieder davon betroffen. Dagegen gleitet Wolf in oberflächliches Klischee ab bei der Charakterisierung Westberlins. Doch kann man von der "neuen Welle", bei der sich eine Absage an simple Propaganda ankündigt, Gutes erwarten; vor allem rechtfertigt das Niveau der künstlerischen Form ehrliche, ernsthafte Auseinandersetzung.

-el-

(Quelle: BNN 10.2.1965)

Nach Hynec Bocans preisgekröntem Film "Niemand wird lachen" (BNN vom 19.1.) zeigte der Akademische Filmkreis der Technischen Hochschule Karlsruhe einen weiteren Debütfilm eines jungen tschechischen Regisseurs: "Der erste Schrei" von Jeromil Jiris. Dieses Erstlingswerk hat weder Festival-Erfahrung noch Auszeichnungen aufzuweisen. 1964 gedreht, liegt es ein in einer deutschen Synchronisation des DEFA-Studios Leipzig vor und konnte bisher in der Bundesrepublik nur von Filmclubs vorgeführt werden.

"Der erste Schrei" ist die Geschichte eines jungen Paares, eine alltägliche Geschichte voller sozialer Realitäten. Es beginnt mir der Einlieferung der jungen Frau in ein Entbindungsheim und endet mit dem Besuch des frisch gebackenen Vaters in der Säuglingsstation. Der Tag, der dazwischen liegt, wird ausgefüllt von den täglichen Geschäften, von ihren Schmerzen und seinen ängstlichen Gedanken daran, aber auch von den Erinnerungen der beiden, die in Rückblenden auftauchen: der zufälligen Begegnung an der Brücke, den gemeinsamen Erlebnissen, der Hochzeit.

Eine wichtige Rolle spielt dabei - und man wird an Polanskis "Ekel" erinnert - die Fotografie. Der Film erstarrt zum Foto, Fotos beginnen zu leben, was vorher Handlung war, taucht im "Familien"-Album als Foto wieder auf - diese Verschmelzung ist dem Regisseur vortrefflich gelungen, ebenso die Karikaturen verstiegener Intellektueller, wenn auch manchmal ein wenig tendenziös, so doch treffend. Man merkt dem Film aber die Unsicherheit einer Regisseurs an, der noch im sozialistischen Realismus aufgewachsen ist und etwas Neues bringen will. Ziellose Propaganda bleibt die Einblendung von Panzern und Flugzeugen der Bundeswehr, plump wirkt der Annäherungsversuch des leichten Mädchens, so daß die Standhaftigkeit des jungen Vaters keiner Anstrengung bedarf (und dies sollte doch wohl gezeigt werden). Ein gewollter Gag auch der Transport des Bettes durch die Stadt, ein billiger Abklatsch der entsprechenden Passage aus Lesters "Der gewisse Kniff". Miserabel ist der Kommentator am Schluß, der sich über den Mythos der Geburt ausläßt und durch kitschiges Pathos die Wirkung des reportageähnlichen Filmablaufs weitgehend zerstört.

Aber von diesen Schwächen abgesehen ist der Film eine für Ostblockverhältnisse erstaunliche Befreiung vom Formalen, ein erfolgreiches Anrennen gegen festgefahrene Film-Konventionen. Es wäre wünschenswert, wenn der Akademische Filmkreis den Karlsruher Filmliebhabern weiterhin solch unbekannte Kostproben vom Filmschaffen hinter dem Eisernen Vorhang zugänglich machen würde; der Zuspruch bei den beiden tschechischen Filmen hat bewiesen, daß großes Interesse dafür besteht.

-my-

(Quelle: BNN, Nr. 26, 2.02.1966)

Eine unhandliche schwarze Kiste kam per Zug am Bahnhof an. Martin Gelfort, Informatikstudent,, schleppt das 30 Kilogramm schwere Ding in die Universität. Es bedeutet eineinhalb Stunden Unterhaltung. Im winzigen Vorführraum geht es dann Schlag auf Schlag. Schnell heißt es nun, die Filmrollen in die zwei Projektoren einzulegen. Der Blick aus dem Fensterchen zeigt ihm bereits die Häupter seines Publikums. Warten diesmal etwa nur zehn oder an die 80 Zuschauer, vielleicht gar 200? Den oberen Mathematikhörsaal mit seine 300 Plätzen bekommt Martin Gelfort selten voll.

Das freilich finden die acht Leute vom Akademischen Film-Kreis (AFK) gar nicht so schlimm. Denn sie bemühen sich darum, engagierte Filmarbeit zu leisten. Darunter verstehen sie Filme, die noch niezuvor in Karlsruhe gelaufen sind und auch nie laufen würden, sowie alte Filme. Im Programm dieses Semesters finden sich beispielsweise eine Reihe von Filmen aus dem Iran und aus Lateinamerika sowie verschiedene Kurzfilme.

Ein Spezialthema ist die Reihe "Film im Film". Da wird gezeigt, "wie Filmemacher über das Filmemachen Filme machen", legt Martin Gelfort ihre Absichten dar. Als Provokation ist die Reihe "Frauen filmen gegen das Patriarchat" gedacht. "Wir wollen nicht nur Filme zeigen, sondern auch Zusammenhänge aufdecken", erklärt der blonde Student. Leisten kann sich die Gruppe das anspruchsvolle Konzept nur, weil sie nicht gewerblich arbeitet.

Vorführraum
Viel Freizeit verbringen die Studenten zwischen Vorführraum und dem kleinen AFK-Büro im Keller. Mittelpunkt des fensterlosen Raumes ist das rote Sofa. Darum herum herrscht geordnetes Chaos. Auf der Heizung stapeln sich die leeren Filmrollen, auf dem Tisch liegen Plastikmesser, Filmillustrierte, Dias und leere Konservendosen friedlich beieinander. Daneben drängen sich etwas 2000 Fachbücher in den Regalen. "Da stehen Schätze", kommentiert Martin Gelfort das Sammelsurium. 60 Jahre und älter sind die Filmkritiken, die dort gebunden aufbewahrt werden. Verschiedene englische und deutsche Filmzeitschriften hat das Filmstudio abonniert, um immer auf dem neuesten Stand zu sein.

Um geeignete Filme auszuwählen, bedarf es neben der theoretischen Arbeit, natürlich auch der Anschauung: "Wir rennen auf jedes Festival, alles in Eigenfinanzierung", beschreibt der 28jährige Student seine Leidenschaft. Wenn sie sich alle ein Bild gemacht haben, geht die eigentliche Arbeit los. "Am Anfang haben wir eine riesige Liste, dann versuchen wir die Filme irgendwo herzukriegen und am Ende haben wir vielleicht vier Streifen", erläutert Martin Gelfort die Schwierigkeiten mit dem Programm. Entweder sind die Filme so neu, dass die gewerblichen Kinos ein Vorspielrecht haben oder die älteren Filme werden von den Verleihern als so unattraktiv bewertet, dass sie nicht zu haben sind.

Wühlt das Vorführteam auch gern in alten Zeiten, so bemüht es sich bei der Technik um einen aktuellen Stand. Gerade haben die Studenten der verschiedensten Fachrichtungen eine neue Tonanlage gekauft. "Damit der Ton nicht so flach auf der Leinwand klebt wie bisher", rühmt Clemens Scherer die Vorzüge des Geräts. Mit Unterstützung der Universität und von den Geldern, die ihre Vorgänger eingespielt haben, konnte sich der FIlm-Kreis die Verbesserung leisten. Er allein hätte die Tonanlage nicht finanzieren können, denn seine engagierten Themen locken weniger Zuschauer in den Hörsaal.

Zufrieden ist der Filmkreis mit den zwei 35-Millimeter-Projektoren, "auch wenn die schon so alt sind, wie wir selbst". "Kaum ein Studentenkino hat so professionelle Maschinen", sagt Martin Gelfort und streicht über das grau-grüne Metall.

So gerne er und seine Kollegen die Filme vorführen, am liebsten würden sie selber einen Film drehen, Beispielsweise über die Ammoniaksynthese Fritz Habers an der Uni. Die Grundlagenforschung führte später zum ersten Giftgaseinsatz während des Ersten Weltkriegs. Darüber könnte man die Leute diskutieren lassen,, spinnt der Informatiker den Faden weiter. Doch noch reizvoller fände er es, eine ganz eigene Geschichte zu erzählen.
Wiebke Prochazka
(Quelle: BNN, Nr. 242, Seite 19)

Die Cineasten haben sich jetzt abgemeldet aus dem Hochschulbetrieb: "Wir sind bei den Internationalen Filmfestspielen in Locarno", verrät die sympatische weibliche Stimme auf dem Anrufbeantworter des AFK-Filmstudios an der Universität Karlsruhe. "Fünf bis sechs Filme schauen wir dort jeden Tag an", erzählt Cristina Marx vor der Abreise begeistert. Ihre Kinoleidenschaften eint die zehn Aktiven im AFK, wie sich der Filmklub kurz nennt. Cristina Marx ist eine von ihnen. Sie ist schon immer gerne in Lichtspieltheater gegangen und auf der Suche nach einem Kreis Gleichgesinnter ist sie zu Beginn des Studiums auf Filmstudie gestoßen. Mittlerweile sehe Filme mit ganz anderen Augen, achte nicht mehr alleine auf den Inhalt, sondern auch auf die Form, Kameraeinstellungen und Filmschnitt.

Genau hier sieht der AFK auch seine Aufgabe. Über das Angebot der kommerziellen Kinos hinaus wollen die zehn Aktiven ihren Kommilitonen Filme in ihrem filmgeschichtlichen, gesellschaftspolitischen und gestaltungsformalen Zusammenhang präsentieren. So formulierten es die Vorgänger der engagierten Gruppe schon vor beinahe 30 Jahren. Dieses Anliegen ist geblieben, wenngleich der Verein einige Veränderungen erlebte. Vor beinahe 40 Jahren schon schlossen sich filmbegeisterte Studiosi zu einem Filmkreis zusammen, damals ein Arbeitskreis des AStA. Mit einem tragbaren 16mm-Vorführgerät reisten sie von Hörsaal zu Hörsaal, um ihre cineastischen Kostbarkeiten den Studienkollegen näherzubringen, bis der Verein endlich ein Dach über den Kopf bekam. Zwei Räume im 1961 erbauten Mathematikhörsaalgebäude wurden ihnen überlassen für Archiv, Büro und Bibliothek, den Vorführraum richtete man im oberen Hörsaal ein.

VorführraumHier findet sich noch heute der AFK. Die Zimmer sind mit Filmplakaten kunterbunt betückt und übersichtliche Ordnung herrscht in den Regalen, wo sich die Kinoliteratur mittlerweile stapelt und für jeden zugänglich ist. Der Schneidetisch ist abgedeckt, der Tonraum fest verschlossen. Selten noch drehen die Leute vom AFK eigene Filme, wie damals ihre Vorgänger, die den Semesteralltag in Form von Wochenschauen dokumentierten. Später drehten die Studenten noch hie und da heitere Unterhaltungsfilmchen. Der AFK hat sich mittlerweile ganz auf das Vorführen von Filmen verlegt. Während des Semesters an zwei Tagen in der Woche verwandelt sich dann der nüchterne Lehrsaal der Mathematiker in ein veritables Filmtheater. Da heißt es für die AFKler tüchtig anpacken: Einer verkauft Karten, zwei bereiten die Leinwand und die Tonanlage vor, andere kümmern sich um die Filmrollen, die während der Vorführung zwischen den zwei 35mm-Projektoren ausgewechselt werden müssen. Eine schweißtreibende Arbeit, wie Cristina Marx aus eigener Erfahrung hinter dem Projektor weiß.

Die kostspieligen Geräte sind das Kapital der zehn Aktiven. Hier heißt es technisches Feingefühl zu beweisen, und glücklicherweise findet sich ein filmbegeisterter Elektrotechniker in ihren Reihen. Mit ihrer Ausrüstung zeigen sich die Mitglieder des Vereins zufrieden. Ihre Vorführungen, so bestätigt Cristina Marx, stehen einer Kinoaufführung in nichts mehr nach, wie es vielleicht früher noch der Fall gewesen sei. Einen Teil des neuen Ausrüstung verdankt das Filmstudio denn auch dem kulturellen Förderverein des Studentischen Kulturzentrums.

Ansonsten kommen die Kinofreunde unter den Studenten finanziell alleine über die Runden, die Eintrittspreise betrachten sie als Unkostenbeitrag für die Leihgebühr, die sie die Filmrollen kosten. Im Durchschnitt 100 Kommilitonen bevölkern dann die steilansteigenden Hörsaalbänke. Wobei es im Wintersemester einfacher sei, die Mitstudenten für einen Film begeistern, ist die Erfahrung von Cristina Marx. Kein buntgemischtes Programm - wie in den Anfangsjahren - bieten die AFK-Leute dabei an. Seit Ende der sechziger Jahre ziehen sie Filmreihen vor, die sich über das ganze Semester erstrecken. Sie sind mal thematisch orientiert, mal richtet sich das Augenmerk auf die Filmtechnik, wie vor kurzem auf das Auge des Kameramannes. Spektakulär war im vergangenen Wintersemester die Folge über "Nationalsozialistische Ideologie im Film", die in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften von zahlreichen Vorträgen und Diskussionen begleitet werden.

Heiß diskutiert werden die Themen für die Semesterreihe im Kreise der Filmfreunde und einige Vorlaufzeit ist nötig, um das Programm mit den Verleihfirmen abzustimmen. Für das bevorstehende Wintersemester hat man sich deshalb schon einigen müssen. Um "Zensur im Film" wird es gehen. Aber bis zur ersten Vorstellung im Oktober bleibt noch Zeit. Vorerst befinde sich die Leute vom AFK nämlich in Locarno.

Anspruchsvolle Unterhaltung zwischen trockener Chemie und Mathematik - das war für die Gründer des Akademischen Filmclubs an der Universität Karlsruhe (AFK) eine der Antriebsfedern für ein "Kino an der Uni", das am Donnerstag sein 50-jähriges Bestehen feierte. Das seit 1954 existierende Kino wird von elf Studenten auf freiwilliger Basis geleitet, "die vielen ungezählten ehrenamtlichen Helfer nicht zu vergessen", betonte der Vorstand des Filmstudios, Florian Nisbach, in seiner Eröffnungsrede bei der kleinen Feier zum Jubiläum.

Mit ein bis zwei Filmen pro Woche wollen die Studenten aber keineswegs den Weg zum kommerziellen Kino einschlagen, sondern dem Anspruch einer anerkannten studentischen Kulturgruppe gerecht werden. "Das Programm soll einfach Niveau haben, deshalb orientieren wir uns am filmhistorischen und filmtheoretischen Kino, sowie an Raritäten", sagt Nisbach. Eine solche wurde dann auch auf der Jubiläumsfeier vorgeführt: Der "Traumulus" von Carl Fröhlich aus dem Jahre 1936, war 1954 der erste Film des damaligen "AStA Filmclub" aus dem das AFK-Filmstudio entstand. In dem "Oldie" geht es um den Direktor eines Gymnasiums, der, konfrontiert mit den sexuellen Eskapaden seines Lieblingsschülers, seelisch tief erschüttert wird. Das Drama endet mit dem Selbstmord des Schülers.

Als Bezugsquellen für ihre Filme dienen den Studenten einmal die regulären Verleihfirmen oder - in speziellen Fällen wie beim "Traumulus" - das Bundesfilmarchiv, erklärt Nisbach.

Das Geld, das nicht nur zum Ausleihen des Filme, sondern auch für die technische Wartung der Geräte benötigt wird, kommt aus verschiedenen Quellen. Es gibt ein Uni-Jahresbudget, aus dem alle studentischen Kulturgruppen etwas bekommen und eine kleine Förderung vom Land, so Nisbach. Außerdem werden die gesamten Eintrittsgelder sofort investiert. So hat das Filmstudio, das mit professioneller 35mm-Millimeter-Projektion und Stereoton aufwarten kann, meist eine schwarze Null auf dem Konto.

Einer der größten Kinosäle der Stadt ist ein Uni-Hörsaal. Der obere Hörsaal des 1961 errichteten Mathematik-Gebäudes in der Nähe des Ehrenhofs ist seit Jahrzehnten der Vorführort des Akademischen Filmstudios Karlsruhe (kurz: AFK). Ein idealer Kinosaal sieht natürlich anders aus, dennoch wird hier die Filmkultur auf höchstem Niveau gepflegt, mit anspruchsvollem Programm, mit richtigen 35mm-Filmprojektoren und Magnetton. Leider scheint das studentische Publikum dies immer weniger zu schätzen. Vor vier Jahren kamen im Schnitt noch 90 Besucher pro Vorstellung, mittlerweile ist es nur noch die Hälfte.

Die akademischen Filmenthusiasten haben in der Ära der DVD und der Festplattenrekorder keinen leichten Stand. aber sie geben nicht auf. Tradition verpflichtet. Vor gut 50 Jahren ist der AFK als Arbeitskreis des Allgemeinen Studentenausschusses (Asta) entstanden mit der ambitionierten Zielsetzung "die theoretische und praktische Arbeit am Dokumentar-, Kultur-, Spiel- und wissenschaftlichen Film" zu pflegen. Mit einem 16mm-Projektor zogen die filmbegeisterten Studenten von Hörsaal zu Hörsaal, ehe sie im HMO-Gebäude eine feste Bleibe erhielten. Seitdem haben Generationen von Filmenthusiasten dafür gesorgt, das im Kino an der Uni nicht die Lichter ausgegangen sind. Wie anderswo auch wurden die akademischen Filmklubs zur Keinzelle für die in den 70er Jahren in vielen deutschen Städten entstehenden kommunalen Kinos. Es waren
AFK-Mitglieder, die zusammen mit den Überlebenden der "Werkstatt 68", die "Initiativgruppe Kommunales Kino" gründeten, aus der wenig später "Das Kino", die heutige Kinemathek Karlsruhe hervorging.

 

AFK

 

Natürlich konnte das AFK dem hochtrabenden Gründungsanspruch nicht durchweg gerecht werden. Wie denn auch bei den geringen finanziellen Mitteln und der notorischen Personalknappheit?! Vor einigen Jahren gab es noch Filmvorstellungen, die von Einführungen und Diskussionen umrahmt wurden, wie etwa bei einer Reihe zum "Dritten Reich" oder zum Thema "Filmzensur", mittlerweile gibt es überwiegend Film"pur". Dennoch hat das AFK-Programm eine unverkennbare Struktur, wie Freya Gnam von der AFK bemerkt: "Jedes Semester gibt es eine Reihe, in der ein Regisseur vorgestellt wird und eine Themenreihe. Dieses Semester stellen wir David Lynch mit drei frühen Filmen vor. Außerdem gibt es eine Reihe mit Filmen zum Thema U-Boot, wobei es sich ausschließlich um U-Boot-Filme handelt, die keine Kriegsfilme sind. Themenreihen der letzten Semester waren beispielsweise China und Taxi. Außerdem zeigen wir einzelne Filme, die uns besonders interessant erscheinen."

Wie sehr das AFK bestrebt ist, den Bedürfnissen seines Publikums entgegegenzukommen, zeigt dir "Wunschbox", in die jeder Besucher einen Zettel mit seinen Filmwünschen einwerfen darf. In diesem Semesterprogramm hat man Paul Verhoevens "Starship Troopers" gezeigt, weil der Science-Fiction-Knaller besonders häufig gewünscht wurde. "Im Wintersemester gibt es außerdem traditionell einen Erstsemester-Wunschfilm: Die Erstsemester dürfen aus drei Filmen einen wählen", sagt Freya Gnam, die mit neun anderen Studierenden der Ingenieurs- und Naturwissenschaften den Filmbetrieb aufrecht erhält.

Die Programmkonzeption, der Kontakt mit den Filmverleiher, die Gestaltung des schmalen, aber informativen Programmblatts und dessen Verteilung gehören zu den Aufgaben der AFKler. Prinzipiell kann jeder beim AFK mitmachen, auch wenn er nichts mit der Uni zu tun hat. Auch die AFK-Vorstellungen stehen offen für alle Filminteressierten. Jede Verbesserung auf der Einnahmeseite ist willkommen, denn beim derzeitigen Stand kann das AFK sich nicht selbst tragen. Finanzielle Unterstützung erhält man vom studentischen Kulturzentrum an der Uni und dann gibt es noch Einnahmen durch Werbedias und einen Werbefilm, der vor dem Film gezeigt wird.

Gegen weitere Sponsoren hätte man nichts einzuwenden, zumal das AFK noch einiges vorhat: "Besonders wichtig wäre es für uns unsere räumliche Situation zu verbessern. Unser Büro befindet sich in einem feuchten Kellerraum. Dies ist insbesondere für unsere doch recht umfangreiche Bibliothek zum Thema Film und Kinotechnik nicht so ideal. Der Hörsaal, in dem unsere Vorstellungen stattfinden, muss wohl in nächster Zeit saniert werden. Wir hoffen, dass es dann auch gelingen wird unsere Kinotechnik besser zu integrieren". Aber zunächst einmal stehen, wie jeden Sommer, zwei Open-Air-Aufführungen im Alten Stadion der Uni an. Am 10. Juli, 20. Uhr, gibt es einen gelungenen Film der leisen Töne. "Garden State" erzählt die Geschichte des 26-jährigen Fernsehstars Andrew Largeman (gespielt von Regisseur Zach Braff), der zur Beerdigung seiner Mutter in die Provinz zurückkehrt, in der er aufgewachsen ist und anhand der Begegnung mit Freunden von damals und einem eigenwilligen Mädchen (Natalie Portman) sein Leben überdenkt.

Als ironischer Kontrast ist für den 11. Juli ein "Tiefpunkt des Teenie-Klamauks" angekündigt - eine französische Klamotte von 1978 mit dem Titel "Das Loch im Mädchenpensionat". Bierernst ist die Filmarbeit für die AFKler offenkundig nicht.

Peter Kohl

 

(Quelle: BNN, Nr. 153, Seite 26)

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