Dokumentarfilm
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Der Sinn des Ganzen

Durch die übermässige Flut von Lehrfilmen und uninspirierten Fernsehdokumentationen ist der Ruf von Dokumentarfilmen ziemlich ramponiert worden. Kaum jemand erwartet von einer Dokumentation einen unterhaltsamen Kinoabend. Dass genau das Gegenteil der Fall sein kann, dass Dokumentarfilme nicht nur dokumentieren und informieren, sondern auch unterhalten, mitreissen und mitfühlen lassen können, das zeigen die Filme, die in diesem Programm laufen und die auch in den nächsten Semestern ihren verdienten Platz auf der Kinoleinwand finden werden.

In diesem Semester wird die historische Entwicklung des Dokumentarfilms mit ihren verschiedenen Ausprägungen (vom ethnographischen bis hin zum Agitpropfilm) ein klein wenig angerissen: NANOOK OF THE NORTH von Robert Flaherty (1922), LAS HURDES von Luis Buñuel (1932) und PAUL JACOBS UND DIE ATOMBANDE von Jack Willis und Saul Landau (1978). Während man in diesen Filmen - ebenso im umstrittenen STAU - JETZT GEHT'S LOS von Thomas Heise - in Teilen noch den Dokumentarfilm wiederfindet, wie man ihn zu kennen glaubt, so wirken VATERS LAND (Peter Krieg), THE THIN BLUE LINE (Errol Morris) und STEP ACROSS THE BORDER (Nicolas Humbert, Werner Penzel) eher wie Bildercollagen, vielschichtig und emotional.

In den letzten Jahren hat sich ausserdem gezeigt, dass bei einer zunehmenden Anzahl von Filmen die Unterscheidung in Dokumentar- oder Spielfilm, die zunächst so einfach erscheinen mag, immer schwieriger wird. Auch dieses 'Grenzgebiet' zwischen Spiel- und Dokumentarfilm soll sowohl in diesem Semester als auch in den kommenden mit herausragenden Beispielen beleuchtet werden (in diesem Semester: L. 627 von Bertrand Tavernier und ZELIG von Woody Allen als Spielfilme mit dokumentarisch-realistischem Hintergrund und formalen Stilmitteln des Dokumentarfilms zur Steigerung der Authentizität sowie Errol Morris' THE THIN BLUE LINE als ein Dokumentarfilm mit inszenierter Wirklichkeit).

Die ganze Bandbreite von Filmen, die mit dem Verdikt 'Dokumentarfilm' belegt werden, zeigt das kleine Music Special, welches drei Filme vereint, die man zunächst als 'Musikfilme' bezeichnen würde.

Musikfilme beschäftigen sich normalerweise in einer eher unfilmischen und uninspirierten Art und Weise mit Proben, Konzerten oder Tourneen berühmter Musiker. Wer sich für die Musik interessiert, gar ein Fan ist, der wird diese meist bunt zusammengewürfelten Konzertausschnitte goutieren. Wem die Musik nichts sagt, dem wird auch der Film nichts bringen, aus dem einfachen Grunde weil der Film eigentlich gar keine filmische Ebene besitzt, sondern lediglich die Musik zu den Zuschauerinnen übertragen möchte.

Ein guter Dokumentarfilm, ein Musikfilm muss daher mehr sein als eine Anhäufung von Bildern über gitarrenzertrümmernde Pop-Ikonen und wunderkerzenwinkende Massen. Michael Wadleighs WOODSTOCK ist von den gezeigten drei Filmen dem dokumentierenden Konzertfilm noch am nächsten. Was diesen Film allerdings aus der Konzertfilm-Dutzendware heraushebt, sind nicht nur sein epochales Sujet und seine epische Länge, sondern auch und gerade Filmisches: ein intelligenter Schnitt, witzig eingesetzte splitscreen-Technik und ein Auge für die Kleinigkeiten, die Wesentliches aussagen. Alles in allem ist dieser Film nicht nur Dokument eines historischen Konzerts, er vermittelt auch etwas vom Flower-Power-Lebensgefühl seiner Entstehungszeit.

Stilistisch und thematisch schon wesentlich abstrakter und kaum noch als Konzertfilm zu bezeichnen (man achte z.B. auf die Positionen, die die Kamera einnimmt) ist Jonathan Demmes STOP MAKING SENSE. Das Konzert der Talking Heads wird in kleine Stücke geteilt und zu kleinen Episoden zusammengesetzt. Keine störenden Informationen, keine peinlichen backstage-Interviews, keine grölenden Fans, dafür aber Musik und Bilder, die eher poetischen Charakter haben.

Noch ein Stück weiter geht Humbert&Penzels STEP ACROSS THE BORDER: In diesem Film werden kaum noch Bilder aus Konzerten verwendet, sondern neue Bilder zur Musik erfunden. Man muss die Musik nicht mögen, die Musiker nicht kennen und wird trotzdem in den Sog dieser Bilder geraten, die eher assoziativ die verschiedensten Gedanken oder Gefühle wecken. Eine perfekte Symbiose von Ton und Bild ist dieser Film von einem 'Dokument' weit entfernt und trifft genau den Nerv der Zuschauerinnen.



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