Dokumentarfilm
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Abbild oder Inszenierung der Wirklichkeit - Was ist ein Dokumentarfilm?

Die Akteure:

SERGEJ M. EISENSTEIN, 95 Jahre, einer der bedeutendsten Spielfilmregisseure aller Zeiten. Träger des Titels verdienter Arbeiter der Kunst (1935) und des Stalin-Preises 1.Klasse. Aus seiner Theaterarbeit hatte E. eine experimentelle, mit vielen Zirkuselementen versehene (also "zirzensische") Inszenierung entwickelt. 1923 entwarf er seine Theorie der Montage der Attraktionen. Unter ATTRAKTIONEN_ verstand E. "...jedes aggressive theatralische Element, jedes Element, das die Gedanken und die Psyche des Zuschauers beeinflusst"; mit derartigen "mathematisch berechneten" Attraktionen wollte er seine Zuschauer wachrütteln und sie auf den Weg der Erkenntnis führen. Typische Merkmale seiner Filme aus den 20er Jahren sind das Fehlen von "bürgerlichen" Helden; dafür erscheint die Masse als neuer Held auf der Leinwand. Sein erster Langfilm STREIK (1925) enthält trotz seines ernsten Themas - blutige Niederschlagung eines Streiks in einer vorrevolutionären Fabrik - noch viele skurrile, sogar humorvolle Elemente; so werden die verschiedenen Polizeispitzel mit Tieren verglichen und in absonderlichen Verkleidungen vorgeführt, die man sogleich durchschaut. Für ihre Provokationen bedient sich die Polizei einer Armee der Unterwelt, die in Tonnen haust, akrobatische Kunststückchen vollführt und geradewegs der DREIGROSCHENOPER entsprungen scheint. Weitere Filme E. sind PANZERKREUZER POTEMKIN mit der berühmten Treppenszene in Odessa, OKTOBER, ALEXANDER NEWSKIJ und IWAH DER SCHRECKLICHE.

DZIGA WERTOW, 97 Jahre, begründete 1923 die Theorie des Dokumentarfilms mit seinem Manifest KINOKI.UMSTURZ. Kinoki, wörtlich Filmaugen, nannte sich die Herstellergruppe der von W. geleiteten staatlichen Wochenschau, doch verstand sich diese Gruppe als Vorhut einer Massenbewegung, durch die sich das Filmwesen entsprechend den Erfordernissen der proletarischen Revolution neu organisieren würde. Weitere Lieblingsbegriffe dieser Gruppe sind Kinoglas = Filmauge und Kinoprawda = Kinowahrheit, gleichzeitig auch der Titel von Wertows dokumentarischer Wochenschau ab 1922. Aus der Arbeit der Wochenschauen und der Agit-Züge (Eisenbahnzüge, die, mit einer Druckerei und kompletten Filmeinrichtungen versehen, an die Fronten des Bürgerkriegs entsandt wurden, um dort unter den Truppen revolutionäre Aufklärungsarbeit zu leisten und gleichzeitig Wochenschauszenen zu filmen) entwickelte W. besonders die formalen Mittel des Dokumentarfilms, z.B. Großaufnahmen und die rhythmische Gliederung einzelner Sequenzen als Mittel der Aussage. Gleichzeitig wurde er ein unerbittlicher Verfechter der Auffassung, dass jegliche fiktive Handlung im Film prinzipiell schädlich und abzuschaffen sei. Neben vielen Dokumentarfilmen im Rahmen der Kinoprawda wurden vor allem zwei Langfilme berühmt: DER MANN MIT DER KAMERA (1929) und EIN SECHSTEL DER ERDE (1926). W. wurde 1935 der bedeutendste sowjetische Filmorden, der Rote Stern am Band, verliehen.

Dziga Wertow und Sergej Eisenstein in der Hölle, wo ihnen in einer Endlosschleife der neue Wenders-Film vorgeführt wird. Anlässlich eines Hafturlaubs treffen sie sich dort zu einem Spaziergang im Park und streiten sich, wie so oft, über einen alten Aufsatz Wertows von 1925, in dem er Eisensteins neuen Film STREIK kritisiert
Eisenstein:Für mich ist es ziemlich egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentarfilm. In einem guten Film geht es um die Wahrheit und nicht um die Wirklichkeit.
Wertow:(zitiert aus seinen Werken); Das Objektiv ist präzis, unfehlbar und muss mitten in den Ereignissen, den wirklichen Geschehnissen sein: Aufnahmen ausserhalb der Ateliers, ohne Berufsschauspieler, Drehbücher, Sujets und gebaute Dekorationen. In diesem Sinne ist dein STREIK ein Versuch, einige Konstruktionsmethoden der KINOPRAWDA und des KINOGLAS dem Spielfilm aufzupfropfen. Montageaufbau, Auswahl der aufzunehmenden Einstellungen und Komposition der Zwischentitel in diesem Film sind dem KINOKI verwandt. Zutiefst fremd ist den KINOKI die schauspielerische Darstellung, auf die sich dein Film gründet. Zutiefst fremd ist ihnen jedes theatralisch-zirzensische Moment, jede artifizielle dekadente Hypertrophie...
Eisenstein:(unterbricht) Ist ja schon gut, ich kenne deine verbitterte Lamentiererei gegen alles, was nicht das "Leben so zeigt wie es ist", gegen die "stumme Ekstase" und das "Theater für Dummköpfe". Aber solltest du nach 7O Jahren nicht so langsam gemerkt haben, dass das Objektiv niemals präzis und unfehlbar sein kann. Bloßes Abfilmen der Wirklichkeit allein offenbart noch keinesfalls die Wahrheit in der Wirklichkeit. Schon in dem Moment, in dem du die Kamera auf ein Motiv hältst, hast du eine subjektive Auswahl getroffen. Gerade du, Genosse Wertow, solltest wissen, dass auch bei sogenannten Dokumentarfilmen der Manipulation Tür und Tor geöffnet sind.
Wertow:Natürlich kann sich der Zuschauer nie vor gestellten Bildern und anderer Irreführungen schützen. Aber ich bleibe dabei: ein Dokumentarfilm soll zunächst eine Abbildung der Wirklichkeit sein.
Eisenstein:Ein Dokumentarfilm kann aber auch sehr subjektiv sein, ja sogar Gefühle vermitteln. Es gibt sehr persönliche Erfahrungsberichte von Filmemachern, mit ganz klar subjektivem Standpunkt. Und wer würde bei einem Dokumentarfilm über die wunderbaren Landschaften auf der Krim nicht geradezu romantisch werden?
Wertow:Das ist natürlich richtig - auch mir wollen jedes Jahr wieder die Tränen der Rührung kommen, wenn ich das Volk geschlossen an der Erntefront sehe. Aber das sind Empfindungen, die erst im Zuschauer ausgelöst werden. Die Bilder selbst sind gewissermassen noch neutral.
Eisenstein:(Schiebt gedankenverloren einen herumstehenden Kinderwagen hin und her) Man kann aber leicht seine Aufnahmen so montieren, eventuell noch mit einer geeigneten Musik unterlegt, dass schon der Film keineswegs mehr neutral, sondern z.B. äußerst pathetisch wirkt. Damit habe ich Erfahrung! Und was unterscheidet dann eigentlich einen Dokumentarfilm noch von einem Spielfilm, wenn er sowohl subjektiv als auch objektiv ist, die Wirklichkeit abbildet und auch Gefühle vermittelt?
Wertow:Gerade hier sehe ich noch wichtige Unterschiede: ein wesentliches Merkmal jedes Spielfilms ist die dramatische Verdichtung der Geschehnisse. Der Dokumentarfilm dagegen soll wirkliche Ereignisse aufzeichnen, ohne etwas wegzulassen, und das oft auch noch in Echtzeit.
Eisenstein:Das ist wieder dein Altersstarrsinn. Nur weil du dich weigerst, andere als deine eigenen Dokumentarfilme anzusehen, ist dir wohl entgangen, dass_jeder gute Dokumentarfilmer sein Material gliedert und eine Ordnung oder eine Tendenz in seinen Film bringt. Das hat schon der gute Flaherty in NANOOK gemerkt, aber auch für WOODSTOCK z.B. haben Michael Wadleigh, Martin Scorsese und Thelma Schoonmaker aus Tonnen von Originalmaterial einen Film nach ihren Vorstellungen mit ihrem Rhythmus gebaut. Natürlich sind auch solche Filme dramatisch verdichet. Der einzige Unterschied ist der, dass beim Spielfilm die Handlung und die Gliederung schon vorher feststehen, wohingegen beim Dokumentarfilm erst im Nachhinein dramatisiert wird.
Wertow:(genervt) Gut, ich mach's dir noch einfacher: der Spielfilm verwendet Schauspieler, der Dokumentarfilm nicht! Wenn ich an deine ganzen Schmachtfilme denke, die du mit unfähigen Schauspielern für Stalin gedreht hast - was hat das noch mit Wahrheit, was hat das noch mit der Wirklichkeit zu tun?
Eisenstein:Lass gefälligst mein Spätwerk aus dem Spiel! Aber wenn du den Einsatz von Schauspielern als Unterscheidungskriterium anführst, beziehst du dich auf reine Äußerlichkeiten. Da kannst du ja gleich sagen: einen Dokumentarfilm erkennt man an der verwackelten Kamera, dem grobkörnigen Film, schlechten Ton, ins Bild hängenden Mikrophonen usw. Das ist nicht mehr besonders glaubwürdig, seit in zahllosen Spielfilmen mit diesen Klischees munter gespielt wird - "pseudodokumentarische" Filme nennt man das wohl. Schau dir dazu bloß HUSBANDS AND WIVES von Woody Allen an!
Wertow:Ich schaue mir diesen neumodischen Kram nicht an. Die formalen Kriterien taugen sicherlich nicht allein dazu, einen Dokumentarfilm zu charakterisieren. Aber es bleibt doch für einen überwiegenden Teil der Dokumentarfilme das Kennzeichen, dass der Produktionsprozess des Films nicht kaschiert wird - wenn z.B. der Filmemacher bei Interviews die Fragen vor der Kamera stellt. Wichtiger noch scheint mir, dass auf Effekte weitgehend verzichtet wird, die die Zuschauer in die Handlung 'saugen', also etwa technische oder künstlerische Tricks, Licht- und Toneffekte oder überhaupt Filmmusik.
Eisenstein:Wenn man die Unzahl von mittelmäßigen Interviewfilmen und Reportagen im Fernsehen betrachtet, hast du sicher recht. Aber die formalen Kriterien allein treffen eben noch keine klare Unterscheidung. Ich kann mich nur wiederholen: ein Spielfilm kann wesentlich "dokumentarischer" sein als mancher nach deinen Reinheitsgeboten gedrehter Dokumentarfilm. Ein Film ist dann objektiv und dokumentarisch, wenn er die Wahrheit zeigt, aber noch lange nicht, wenn er bloß Wirklickeit abbildet. Nicht umsonst finden sich Szenen aus meinen - inszenierten - Filmen heutzutage in Geschichtsbüchern...
Wertow:(wirft ein)...und in zehn Jahren findest du Standbilder aus JURASSIC PARK in den Biologiebüchern...
Eisenstein:(lässt sich nicht aus dem Konzept bringen) Dokumentarisch ist, was einen realen Sachverhalt ausdrückt. Es kommt nicht so sehr auf das Dokumentarische der Objekte und Menschen an - das ist sowieso eine Fiktion, der Manipulation sind keine Schranken gesetzt - sondern vielmehr auf das Dokumentarische des dargestellten Faktums selber, das dann eigentlich in jeder Beziehung rekonstruiert sein kann.
Gott:... Häh?
Eisenstein:(lässt vor Schreck den Kinderwagen los, der eine in der Gegend herumstehende Treppe hinunterrollt) Um Himmels Willen, hast du mich erschreckt... Also pass auf, ich werde dir nun ein Gleichnis erzählen: hast du den Film RASHOMON von Akira Kurosawa gesehen? ... Wahrscheinlich nicht, schließlich ist der Regisseur ja Heide. Jedenfalls geht es in diesem Film um einen Mord, der von vier verschiedenen Zeugen auf jeweils verschiedene, jedoch für sich vollkommen schlüssige und glaubwürdige Art berichtet wird. Nur am Rande: einige Jahrzehnte später wird der Dokumentarfilm THE THIN BLUE LINE dasselbe dramaturgische Mittel verwenden. Stell dir vor, einer dreht nun einen Dokumentarfilm, in dem er nur einen Zeugen über den Mord befragt; zweifellos würden damit Dzigas Kriterien - authentische Schauplätze, am tatsächlichen Geschehen beteiligte Menschen - erfüllt, doch käme dabei nicht einmal die halbe Wahrheit heraus. Mir scheint als Maxime für den Dokumentarfilm die Wahrheit wichtiger als die platte Wirklichkeit, auch wenn dabei mit Schauspielern und im Studio nachgestellten Szenen gearbeitet wird.
Wertow:Das geht mir eindeutig zu weit; es gibt einfach den Unterschied zwischen 'fiction' und 'nonfiction', wie unsere amerikanischen Kollegen sagen würden. Aber vielleicht kommen wir auf einem anderen Weg weiter, nämlich wenn wir danach fragen: "Was will der Regisseur?" und: "Was findet das Publikum?".
Eisenstein:Ja, was will der Regisseur? Manipulation des Publikums z.B., da sind wir uns sicher einig.
Wertow:Bei meinem Roten Stern am Band, das will ich meinen!
Eisenstein:Gut, Manipulation ist ein Punkt. Ein anderer, der für die meisten Dokumentarfilme in der Schule und im Fernsehen von großer Bedeutung ist, ist die Vermittlung yon Wissen. Wissen über andere Länder, über Tiere, über Geschichte oder politische Fragen. Viel interessanter scheint mir zu sein, dass gerade die guten Kino-Dokumentarfilme mehr wollen, als nur Wissen zu vermitteln! Genauso wie in Spielfilmen sollen in guten Dokumentarfilmen Gefühle geweckt werden, Träume und Assoziationen und Ahnungen. Umgekehrt nutzen jedoch auch viele fortschrittliche Filmemacher den Spielfilm als Vehikel, um auf unterhaltende Weise Meinungen und Wissen zu transportieren.
Wertow:Fortschrittlich ist allein der Verzicht auf die Filmzauberei. Ich kann es nur immer wieder wiederholen: Nieder mit der Verszenung des Alltags! Für eine wahrhafte Kinofizierung!
Eisenstein:(beruhigt ihn) Ja, ja, das Filmdrama ist Opium für das Volk... aber noch einmal zurück zur Frage, warum denn die Zuschauer in Dokumentarfilme gehen.
Gott:(mischt sich ein) Jetzt seid ihr schon so lange hier unten und könnt in Ruhe hinter das Geschehen blicken - und ihr habt immer noch nicht kapiert, dass die Menschen eben bescheuert sind! Sie gehen nur noch in Dokumentarfilme, wenn sie zufällig das Thema interessiert. Früher war es die politische und soziale Situation der Massen, heute scheinen es eher Musikgruppen, Autorennen oder Reiseziele zu sein...
Wertow:(flüstert EISENSTEIN zu) Der Alte ist wieder mal geladen... wahrscheinlich sind ihm gerade seine letzten Schäfchen davongelaufen... (laut, den Blick nach oben) jaja, dass der Dokumentarfilm auch formal brillant sein kann, attraktiv wie SERGEJS vielgerühmten Filme und genausowenig langweilig, das scheint sich leider noch nicht herumgesprochen zu haben.
(...Leider werden Eisenstein und Wertow hier abberufen zu den Dreharbeiten an dem Passionsfilm im im Fegefeuer, PURGATORY PARK).


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