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Aspekte der Filmmontage

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Montageaspekte in den Filmen Wong Kar-Weis


Wenn man die letzten drei Filme Wong Kar-Wais grob auf ihre Haupthandlungsstränge reduziert, gibt es in CHUNGKING EXPRESS zwei, in FALLEN ANGELS mindestens drei, und in HAPPY TOGETHER eine Liebesgeschichte. So sind es nicht mal so sehr die Geschichten, die seine Filme einzigartig machen, sondern die Art und Weise wie er diese erzählt.

Zusammen mit seinem Kameramann Christopher Doyle und seinen Cuttern William Chang und Wong Ming-Lam schafft Wong Kar-Wai einen sehr persönlichen, unüblichen Erzählstil, der stark darauf bedacht ist, die inneren Seelenzustände seiner Figuren wiederzuspiegeln. Meistens sind diese unglücklich verliebt, Momente der Melancholie und Sehnsucht beherschen ihr entfremdetes, einsames Großstadtleben, ob nun in Hong Kong oder Buenos Aires, wobei sie jedoch versuchen irgendwie ihre Individualität zu bewahren und sich selbst nicht zu verlieren. Das Aufzeigen bzw. die filmische Umsetzung dieser Stimmungs- und Gefühlswelten, paßt Wong Kar-Wai so sehr der Handlung an, daß eine Unterscheidung zwischen Form und Inhalt sich quasi ausschließt. Im Unterschied zu den meisten Spielfilmen, wo der schnitterzähltechnische Umgang mit strukturbildenden Pfeilern wie Zeit und Raum hauptsächlich durch die fortschreitende Handlung geprägt ist, werden diese Faktoren erst durch die subjektiven Wahrnehmungswirklichkeiten der Figuren bestimmt. Momente können zu Ewigkeiten werden, während andere Situationen, die sich über längere Zeiträume abspielen, wie in einem Rausch vorrüberziehen. Das innere Erleben kehrt sich nach außen und umgekehrt. In der Montage zeigt sich dies z.B im Überlappen der Ton-und Bildspur, dem Umgang mit verschiedenen Bildgeschwindigkeiten vom Zeitraffer bis zum eingefrorenem Standbild, oder dem Wechsel von s/w und Farbe. Der Einsatz von einer oftmals sehr agilen, rastlosen Handkamera, extremer Weitwinkelobjektive, oder der bewußte Umgang mit Unschärfen, versetzen neben anderen Stilmerkmalen den Zuschauer in einen tranceartigen, zeitlosen Film-Raum. Da CHUNGKING EXPRESS anfangs auf drei statt auf zwei Episoden konzipiert war, entstand schon während der Dreharbeiten zu dem Film Material zu FALLEN ANGELS. Es wäre interessant zu erfahren, ob der Entschluß, den Film anders zu strukturieren wie ursprünglich geplant, erst am Schnitttisch entstand. Dies zeigt jedoch deutlich wie stark die Filme durch die Montage geprägt sind.

Die Filme sind sich formal wie auch inhaltlich sehr ähnlich, wobei die Grundstimmung von CHUNGKING EXPRESS viel heiterer wirkt als bei FALLEN ANGELS. In beiden Fällen werden die Figuren am Anfang in den Film ohne große Erklärungen hineingeworfen. Durch schnelle Schnittfolgen von Handkamerafahrten und Schwenks, entsteht eine Stimmung der Hektik und Orientierungslosigkeit. Die Hektik wird am Anfang von CHUNGKING EXPRESS schlagartig unterbrochen, als Polizist 223 bei seiner Verfolgung die Frau ohne Namen anrempelt. Im selben Moment wird nur für ein paar Bilder lang eine Uhr eingeblendet, gleich darauf: eine Halbtotale in der sich beide für einen Augenblick ansehen, das Bild bewegt sich nur noch langsam, einzelbildweise, während die Stimme von 223 aus dem Off prophezeit: "in 55 Stunden werde ich mich in diese Frau verlieben". Abblende. In der nächsten Einstellung sieht man 223 ohne Schnitt knapp eine Minute lang telefonieren.


Solche plötzlichen Rhytmuswechsel, hier unter anderem durch verschiedene Bildgeschwindigkeiten und unerwarteten Einstellungseinwürfen (die Uhr) erreicht, verleihen dem Film eine unstetige, leicht nervöse Struktur, wie bei einem avantgardistischen Jazzstück. Die Schnittfolgen sind oftmals sehr schnell und vieles verflüchtigt sich, ohne daß es die meisten Zuschauer wohl bemerken werden. So gibt es beispielsweise in CHUNGKING EXPRESS eine Szene, wo 223 eine Rolltreppe irgendeiner Bahnstation hochläuft, worauf dann eine Totale folgt, auf der ein anderer Polizist von einem Brückengeländer runtersieht. Viel später wird sich herausstellen, daß sich die zweite Episode des Films um diesen Polizisten handelt. Seine Freundin, der er nachtrauert, eine Stewardess, wird auf ähnlich beiläufige Art in einer Szene die an einem Flughafen spielt "eingeführt". Manche Einstellungen erfüllen so suggestiv den Zweck zukünftige Geschehnisse oder Personen vorwegzunehmen, wodurch eine Gleichwertigkeit der Ereignisse erreicht wird, ob und wann sie sich auch immer abspielen mögen. Nicht alle Schnittfolgen müssen jedoch auf Anhieb so rational erfaßbar sein wie hier, da diese auch meist auf einer emotionalen Ebene funktionieren.

Die Montage dient wie schon Anfangs erwähnt dazu die Gefühls- und Stimmungslagen der Figuren auszudrücken, was jedesmal anders geschehen kann, gleichzeitig muß sie aber darauf achten, alles stimmig zusammenzufügen, egal wie unterschiedlich von Tempo und Struktur die Einzelsequenzen auch sein mögen. Ein Großteil dieser geschlossenen Wirkung wird in den Filmen durch einen stets wohlausgewogenen Rhytmus innerhalb der Gesamtstruktur erreicht. Nach jeder rastlosen Phase folgt eine ruhige Einstellung oder Szene, die den Zuschauer Zeit zum Verweilen lässt. Mal geschieht dies durch den Wechsel von wild geschnittenen, bewegten Handkameraeinstellungen zu festen Stativaufnahmen, die zum Teil minutenlang ohne einen Schnitt auskommen, oder es werden beispielsweise verschiedene Einstellungen aus derselben Kameraperspektive oder Schußrichtung aneinandergereiht die in ihrer Gesamtheit einen "ruhigen" Block ergeben:

In einer Szene von FALLEN ANGELS sieht man den Killer, nach einem seiner Aufträge, in einen Bus steigen, wo er überaschenderweise einen alten Schulkameraden trifft. Die Schießerei war geprägt durch eine unruhige Montage, wohingegen jetzt die Kamera minutenlang in einer lediglich am Anfang kurz unterbrochenen Halbnahen, auf der beide Personen zu sehen sind, verharrt. Die Tonspur ist ein weiteres dramaturgisches Element, welches erheblich zur Geschlossenheit beiträgt. Oftmals verbinden Musik und die als Off-Stimme eingesetzten lakonischen Selbstkommentare der Figuren mehrere Einstellungsfolgen, die zeitlich wie räumlich völlig auseinanderliegen können. In CHUNGKING EXPRESS gibt es eine Szene, wo Faye in die Wohnung vom Polizisten 663, in dem sie sich verliebt hat, einbricht. Ein Song von den Cranberries (auf chinesisch!) ertönt. In rascher Abfolge und mehreren Handkameraeinstellungen sieht man nun, während die ganze Zeit der Song läuft, wie sie die Sachen in seiner Wohnung verändert

Sie gießt unter anderem neue Goldfische in sein Aquarium, wechselt die Ettiketten seiner Thunfischdosen usw. Am Ende tut sie Schlaftabletten in eine Wasserflasche, Schnitt, Faye steht wieder hinter ihrer Imbißtheke und schaut auf die Uhr. Schnitt, man sieht Polizist 663 zuerst von der Flasche trinken, darauf schläft er ein. Schnitt, Faye steht wieder in der Wohnung und nimmt weitere Veränderungen vor, ihre Kleidung wechselt dabei fast unmerklich von einer Einstellung zur anderen, in der nächsten trägt sie wieder die gleiche Kleidung wie vorher, dann wieder nicht, womit deutlich wird, daß sich all dies in größeren Zeitabschnitten abspielt. Sie verläßt die Wohnung, der Song hört auf.

In Szenenblöcken wie dieser werden die Einstellungen im Rhythmus der Musik geschnitten. Im Gegensatz zu manchen Hollywoodfilmen, wo solche ähnlichen, videoclipartig montierten Sequenzen eher für die kommerzielle Auswertung des Songs gemacht zu sein scheinen, steht in diesem Fall die dramaturgische Funktion nicht nur zweckmäßig im Vordergrund. Fast alle Aktionen die Faye innerhalb dieses Szenenblocks macht, werden später in einem anderen Erzählabschnitt nochmal aufgegriffen, wo sich Polizist 663 nach langer Zeit darüber wundert, daß sich vieles in seiner Wohnung verändert hat. Vor dem Szenenblock mit dem Cranberries-Stück hörte Faye permanent nur ein und denselben Song: "California Dreamin". Als Zuschauer hört man ihn dadurch auch ständig. In dem Moment wo sie selbst aktiv wird, und in ihrem Leben eine Änderung herbeiführt, wobei sie die Lebensumstände eines Anderen verändert, ertönt auch eine andere Musik.

Diesen charakteristischen Einsatz von Musik, der sich direkt auf die Personen bezieht, führt Wong Kar-Wai in FALLEN ANGELS so weit, daß fast jede Person ein oder zwei für ihn passende Songs bekommt. Diese Songs begleiten die Figuren in bestimmten Situationen und kommentieren gleichzeitig deren Gefühlslage. Jedesmal wenn der Killer in FALLEN ANGELS einen neuen Auftrag ausführt, hört man ein bestimmtes Trip-Hop Stück, das zusammen mit den ähnlich geschnittenen Bilderfolgen als schon mal dagewesenes Motiv auftaucht. Durch diesen Wiedererkennungswert bekommt die Musik zusätzlich die Funktion von Orientierungspunkten, nach der Bilder und Szenen eingeordnet und geschnitten werden können.

Seinem unvergleichlichen Erzählstil ist Wong Kar-Wai auch in seinem neuesten Film HAPPY TOGETHER treu geblieben. In einer Szene sinniert Lai Yiu-Fai in Buenos Aires, wie es wohl gerade in Hong Kong wäre, und stellt dabei fest, daß die Stadt genau am anderen Ende der Erdkugel liegt. Schnitt, man sieht verschiedene Zeitrafferaufnahmen von Hong Kong auf dem Kopf.

Die Grundstimmung des Films ist in Vergleich zu FALLEN ANGELS noch schwermütiger geworden und der anarchistische Humor, der den vorrangegangenen Filmen ein Moment der Leichtigkeit verlieh, fehlt fast völlig. Die Montage passt sich dementsprechend diesem Zustand an. Der Grundrhythmus ist langsamer geworden. Insgesamt gibt es mehr lange, wenig unterbrochene Passagen auch mehr in s/w. Die Rastlosigkeit der Figuren wird nicht mehr so sehr durch schnelle Schnittfolgen unterstrichen und statt charakterisierender Musikstücke werden die Figuren vom Tango begleitet.



Inhalt:


Impressum

"Zwischen den Bildern - Aspekte der Filmmontage" ist eine Sonderausgabe der Filmzeitung des AFK-Filmstudios und erscheint begleitend zur Filmreihe im Wintersemester 97/98. Vervielfältigung und Kopieren nur mit vorheriger Genehmigung des AFK

V.i.S.d.P.
Akademischer Filmkreis Karlsruhe e.V.
Kaiserstr.12
76128 Karlsruhe

Mitarbeiter an dieser Ausgabe:

A. Günter
M. Hirasaka
M. Nagenborg
H. Stiens
P. Stock

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